Wischen wir das Glas ab…

Einer der gescheitesten Köpfe der vergangenen hundert Jahre, der geniale Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman hat einmal in einem Nebensatz pointiert festgestellt: „Wenn etwas existiert und Sie können es nicht sehen, weil die Scheibe beschlagen ist, dann wischen Sie das Glas ab.“

Ein kurzes, prägnantes Statement. Für mich auch ein Hinweis, dass an und für sich klar definierte Probleme und Fakten auch klar definierte Lösungen haben, die man erkennen kann, wenn man WILL.
Vorausgesetzt, ja, VORAUSGESETZT, man haucht die Scheibe nicht noch zusätzlich an, weil einem die klar geforderten, einfachen Lösungen aus irgendwelchen Gründen nicht gefallen.

Das Angebot

„Ich werde Ihnen in sechs Monaten ein attraktives Angebot erstellen, das Ihnen mehr Lohn gewährt, vorausgesetzt, Sie arbeiten weiter bis zu 72 Stunden pro Woche, beweisen Loyalität gegenüber Ihren Patienten, sind zufrieden damit, dass Sie ab der 49. Wochenstunde einen Zuschlag bekommen, allerdings nur, wenn die Durchrechnung innerhalb der kommenden 17 Wochen mehr als 49 Stunden Arbeitszeit pro Woche ergibt. Nur wenn Sie unterschreiben, das zu akzeptieren, nicht dagegen protestieren, niemanden darüber zu informieren und brav Ihre Arbeit tun, dann werde ich Ihnen bis März noch 10 Termine für Gespräche bereitstellen. Was ich plane, sage ich Ihnen in einigen Monaten, in der Zwischenzeit unterschreiben Sie bitte erst mal.“
Das ist zwar nicht wörtlich zitiert, einiges die naheliegende Interpretation eines unvoreingenommenen Zuhörers, aber die Zusammenfassung eines „attraktiven Angebotes“, das uns unterbreitet wurde.

Falls Sie jetzt verzweifelt versuchen, die „Attraktivität“ dieses Angebotes zu finden, Sie werden scheitern. Wir haben die Attraktivität auch nicht gesehen, daher wurde es abgelehnt. Einstimmig. Im Beisein dessen, der das attraktive Angebot gestellt hat.

gescheitert

Damit waren zum wiederholten Mal Verhandlungen zum Thema Arbeitszeit der Ärzte gescheitert. Die österreichische Politik bemüht sich derzeit, ein Gesetz der EU (!) zu umgehen, ja zu umtricksen, das eigentlich die bisher ausufernde Arbeitszeit einer ganzen Berufsgruppe normalisieren soll. Ich war eine Zeitlang der Meinung: vorübergehend „bemüht sie sich“. Mittlerweile halte ich das für den Versuch, ein weiteres Mal ein Provisorium zu einer „österreichischen Dauerlösung“ werden zu lassen.
Man erinnere sich an die erwähnte „beschlagene Scheibe“ des R. Feynman: Wir sehen deutlich den Versuch, die Scheibe immer wieder anzuhauen und dann zu beklagen „Ich kann nix sehen!“. Soll heißen, ganz offensichtlich mag man sich seitens der Politik einfach nicht mit den berechtigten Forderungen und Einwänden der Betroffenen beschäftigen. Die Lösungsmöglichkeiten gefallen nicht. Stattdessen werden nicht näher definierte „attraktive Angebote“ wie oben beschrieben in die Landschaft gestellt.

Ärzte sind:

Wohlgemerkt:
WIR sind die Träger der Arbeitsleistung.
WIR sind die Träger des Risikos.
WIR sind die Träger der Verantwortung gegenüber unseren Patienten.
WIR sind die Träger des Vertrauens unserer Patienten, mit dem wir sorgfältig umgehen müssen.
Was zum Teufel TUN wir denn täglich, als mit unserer Arbeit ständig zu versuchen, das Vertrauen unserer Patienten zu rechtfertigen? NIEMAND muss mich auf meine Loyalität meinen Patienten gegenüber hinweisen. Mit dem zusätzlichen Hinweis, ich wäre nur dann loyal, wenn ich zustimme, weiter freiwillig bis zu 72 Stunden pro Woche zu arbeiten. Das ist eine ZUMUTUNG.
Die Politik versucht, uns medial auf die Frage des Gehalts zu reduzieren, über die Arbeitszeitfrage und deren Konsequenz wird fast nirgends berichtet. An dieser aber hat sich in Wahrheit die ganze Diskussion erst entzündet!!
Das Gesetz ist gültig seit 2003. Es begrenzt die wöchentliche MAXIMALE Arbeitszeit auf 48 Stunden, in Ausnahmefällen auf 60. Im Vergleich zu den oben erwähnten 72 (!), die derzeit möglich sind und -das ist der Punkt- bis zur Grenze des Möglichen ausgeschöpft werden. Ein einziger „Dienst“ kann derzeit bis zu 49 Stunden betragen. In der EU Regeluing maximal 25. Es wurde, wie ich schon einmal geschrieben habe, in Österreich niemals umgesetzt. Jetzt, 14 Tage (!) vor dem erzwungenen „in Kraft treten“ verhandelt man über ein „Opt Out“.

Zur Erklärung:

Frei übersetzt sollen wir also eine Arbeitszeit leisten, die im EU-Gesetz zwar für eine Übergangszeit zur Umsetzung des Gesetzes erlaubt wäre, aber im Grunde abgeschafft ist.
Die Übergangszeit, welche die EU da gemeint hat, lief von 2003 bis 2004. Die österreichische Politik hat es sich kreativ interpretiert von 2015 bis Mitte 2021, und auch das nur mit „sanftem Nachdruck“ durch ein Urteil des EuGH, das Österreich zwingt, nach 10 versäumten Jahren, das Gesetz per 1.1.2015 umzusetzen.
Für Nicht-Mediziner unter den Lesern: dieses „Opt Out“ ist die persönliche Zustimmung zur Fortführung der bisher üblichen Arbeitszeitregelung, entgegen der EU Richtlinie.
Das Opt Out „erlaubt“ uns, weiter bis zu 72 Stunden pro Woche absolvieren zu „dürfen“. So habe ich es schon als Formulierung gelesen, in verschiedenen Zeitungen. Der geneigte Leser könnte dabei zur Auffassung kommen, wir WOLLTEN das so. Ich garantieren Ihnen, wir WOLLEN das NICHT mehr. Es muss genügen, über unsere auf 40 Wochenstunden lautenden Verträge hinaus ohnehin bis zu 8 Überstunden pro Woche regelmäßig zu planen. Finden Sie nicht?
Beim Verhalten unserer Politiker drängt sich ein Satz auf:
Logik: Die Kunst des Denkens und Schlussfolgerns in strenger Übereinstimmung mit den Beschränkungen und Unfähigkeiten des menschlichen Missverständnisses. (Ambrose Bierce)
Das Interessante an Verträgen und Vereinbarungen steht selten im Paragraph 1.
Nein, das Interessante steht fast immer in den Bedingungen der Zusatzprotokolle und das höchst Interessante in den Anmerkungen. Kleingedruckt, versteht sich.

mit Urlaubssperren gedroht

Ein „kleingedruckter Punkt“ im „attraktiven Angebot“ beinhaltet, dass bei „fehlendem Wohlverhalten“ über Urlaubssperren und -noch problematischer: Sperre von Fortbildungen in den Raum gestellt werden. Man beachte dabei, dass eine bestimmte Anzahl an Fortbildungen pro Jahr für uns gesetzlich vorgeschrieben ist.
Und der Bevölkerung wird dieses Detail vorenthalten. Absichtlich.
Manche Leute kann man die ganze Zeit und alle Leute manchmal an der Nase herumführen, aber niemals alle Leute zu jeder Zeit! (wird Lincoln zugeschrieben).
Wir wollen auch nicht mehr an der Nase herumgeführt werden.
Und wir halten das für unser Recht. Fairness ist nicht teilbar.

OA Dr. Michael Dolezal ist Anästhesist am Salzkammergut-Klinikum Vöcklabruck

3 Kommentare
  1. Johann Hofer
    Johann Hofer says:

    Der Beitrag stammt vom Dez. 2014
    Mittlerweile ist die Situation eine wesentlich andere.
    Wenn diversen Medien zu glauben ist, kommen voe allem aus Syrien
    jede Menge top ausgebildete Ärzte.
    Also das Thema Ärztemangel ist damit obsolet.

    Antworten
  2. Andreas
    Andreas says:

    Die Politik will also die Ärzte wegmobben.

    Da sie dies aber heimlich machen will, muß die Bevölkerung darüber von der Ärzteschaft aufgeklärt werden.

    Das betrachtet die Politik als Damoklesschwert, denn das würde sie in die Bredouille bringen.

    Antworten
  3. Bruno Jonas
    Bruno Jonas says:

    Der gegenwärtige Stand ist doch so:
    Die Zeiten des Ärzteüberflusses sind seit Jahren vorbei. Es gibt bis auf wenige Fächer keine Wartelisten mehr, Stelle müssen immer häufiger mehrere Male ausgeschrieben werden oder können gar nicht mehr besetzt werden. Es gibt so gut wie keine arbeitslosen Ärzte die eine Stelle suchen. Studenten nach dem Medizinstudium verlassen zu Hauf das Land, nicht nur die Ausländer – laut Vizerektor der MUI waren es bei einer letzten Umfrage in Innsbruck bereits 70% aller Studierenden, die angeben ins Ausland gehen zu wollen.

    Zum einem liegt das sicher an den Arbeitsbedingungen mit regelmäßig bis zu 72 Wochenstunden, zum anderen an einer Bezahlung, die im europäischen Vergleich weit unter Durchschnitt liegt und nur den vorletzten Platz belegt (KPMG Studie 2011). Ärzte sind Europaweit gesucht und es gibt einen europaweiten Wettbewerb um die Berufsgruppe der Ärzte. Österreich ist darin in der misslichen Situation zwar für 400.00 Euro pro Student viele Ärzte auszubilden, die werden dann aber durch den europäischen Wettbewerb abgeworben und gehen Österreich damit verloren, da Österreich es nicht schafft vernünftige und konkurrenzfähige Rahmendbedingungen für Ärzte zu schaffen.

    Das die Belastung der Ärzte mit regelmäßig bis zu 72h Arbeitsstunden Woche für Woche für Woche nicht mehr tragbar ist, war Österreich schon 2003 klar und deshalb hat Österreich damals in Brüssel zusammen mit anderen EU Staaten die Arbeitszeitrichtlinie mit max. 48 unterzeichnet. Aber anstatt dieses Problem im eigenen Land anzugehen, hat man bis zum heutigen Tag (2014!) nichts unternommen. Im Jahr 2003 gab es noch einen leidlichen Überschuss an Ärzten, den man hätten heranziehen können um die Arbeitszeitrichtlinie umzusetzen. Stattdessen mussten die in Lohn und Brot stehenden Ärzte bis an die Belastungsgrenze arbeiten während die arbeitslosen Ärzte mit dem Taxi durch die Gegend gefahren sind. Aber da sie eh grade mobil waren, habe sich nicht an der Landesgrenze stopp gemacht und sind ins Ausland gegangen. Das Resultat sehen wir heute.
    Den arbeitenden Ärzte hat man ein lächerliches Grundgehalt bezahlt, dafür aber die Dienste gut vergütet und sich so die Ärzte gefügig gemacht. Von den Grundgehältern kann man keine Familie ernähren und ist auf die Dienste angewiesen und hat somit die wahnwitzigen Arbeitszeiten hingenommen, währen die Kollegen Taxi fuhren. Dabei ist den meisten gar nicht aufgefallen, dass sie Rentenansprüche nur für das lächerliche Grundgehalt und nur für 40h Stunden bekommen, nicht für die echt gearbeiteten 72h! Und wohlgemerkt, eine 40-48-Stundenwoche ist für die Normalbevölkerung schon seit fast 50 Jahren Normalität!

    Nun muss man sich aber folgende Frage stellen: warum arbeiten die Ärzte denn so viele Stunden? Arbeiten die Ärzte so viel weil sie mit Ihrem Grundgehalt so unzufrieden sind und weil sie sich so ein besseres Auskommen sichern wollen? Die Antwort ist sonnenklar, es wird deshalb so viel gearbeitet weil, die Arbeit gemacht werden muss. Was passiert also bei Einführung einer 48h Woche? Die Arbeit kann nicht mehr gemacht werden, genauer gesagt, medizinische Behandlungen werden/können nicht mehr in vollem Umfang ausgeführt (werden). Es müssten also haufenweise neue Ärzte eingestellt werden.

    Das Problem

    Bereits unter den aktuellen Bedingungen ist ein Ärztemangel entstanden und die Situation hat sich in den letzten 1-2 Jahren deutlich verschärft. Woher die neuen Ärzte nehmen?
    Aktuell bestehen ja Gehaltsforderungen von Erhöhungen des Grundgehaltes von bis zu 40%, was ist davon zu halten? Durch die Reduzierung der Dienstzeit fallen vielen Ärzten elementare Anteile Ihres Einkommens weg. Somit bleibt fast nur noch das niedrige Grundgehalt über. Dafür verlangen die Ärzte einen Ausgleich.
    Was passiert, wenn auf diese Forderungen eingegangen würde? Erstens ist nicht wohl davon auszugehen, dass Gehaltforderungen in dieser Größenordnung umzusetzen sind und zweitens, und das ist noch viel wichtiger: selbst wenn die Gehälter um diesen Satz angehoben würden, wären die Gehälter im Internationalen Wettbewerb – und darum geht es im Endeffekt – immer noch ganz weit hinten!!!
    Woher sollen denn die ganzen benötigten Ärzte kommen?? Durch die Reduzierung der Arbeitszeit kann man vielleicht die Quote der Abwanderung etwas verringern aber sicher nicht umkehren, aber genau das wäre nötig!
    Wie realistisch ist also eine echte Reduzierung der Arbeitszeit? Ein Blick nach Deutschland ist da hilfreich: hier wurde das Arbeitszeitgesetz bereits 2005 (!) umgesetzt. Deshalb hat D auch seine Löhne auf ein Niveau angehoben, dass es in der Lage ist Ärzte aus Österreich anzuwerben und zwar wesentlich mehr als gehen. Dennoch ist es in vielen Bereichen so, dass durchaus mehr als 48h gearbeitet wird. Nur wird da häufig so kreativ vorgegangen, dass da nirgendwo etwas aufgeschrieben und dokumentiert wird und vieles über Pauschalen geregelt wird. Aber die Kollegen in D haben wenigstens ein Grundgehalt, von dem sie ihre Familien ernähren können. Und genau das ist auch das Problem in Österreich. Österreich müsste illusorische Mittel in die Hand nehmen um international wettbewerbsfähige Arbeitsbedingungen für Ärzte zu schaffen um ausreichend Ärzte für eine lückenlose Versorgung gewinnen zu können.

    Die Alternativen dazu liegen zwischen Opt-out, also weiter wie bisher für die nächsten Jahre (und danach wahrscheinlich Überstunden schieben ohne diese Aufschreiben und verrechnen zu können) oder massiven Leistungskürzungen in der Behandlung der Patienten und Gehaltseinbußen bei den Ärzten. Und so paradox es auch klingt, eine Erhöhung des Grundgehaltes um 30 oder 40% führt nicht zu einem Mehr am Ende des Monats auf den Konten der Ärzte sondern sorgt für die aller Meisten nur für eine Stabilisierung des vorher schon schlechten Ausgangsniveaus!! Was passiert, sollte diese Gehaltsanpassung wie von den Verantwortlichen angedacht ausbleiben oder kläglich ausfallen, das kann sich jeder selber ausmalen…

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