Warum wir uns alles so lange gefallen ließen

… und jetzt erst aufschreien?
Ich bin 1993 mit meinem Medizinstudium fertig geworden, damals war ich 29. Ich war die erste von meinen Kollegen, die mit dem Studium fertig war und hatte bereits zwei Kinder. Am Tag meiner Promotion waren drei Promotionstermine mit jeweils 25 Kollegen. Ich freute mich sehr, bei diesem festlichen Akt bekannte Gesichter zu treffen. Dem war aber nicht so: ich habe keinen einzigen auch nur vom Sehen wiedererkannt. Weil wir so viele waren auf der Uni in Wien.
Dann hieß es noch WARTEN auf einen Turnusplatz im Krankenhaus. Der Turnus ist der Abschluss der ärztlichen Ausbildung, ohne Turnus bist du immer noch nicht Arzt in Österreich. KEIN MENSCH würde an dieser Stelle noch mal umdrehen und sich jobmäßig „was anderes“ suchen! Ich hatte damals schon Familie (wie gesagt zwei Kinder), ein langwieriges Studium hinter mir: Da schluckst du die Krot einfach und nimmst den Job an. Und du freust dich über das erste Gehalt! Ohne zu kapieren, wie mickrig es ist, weil dir durch das lange Studentenleben der Vergleich fehlt. „Die drei Jahre schaffst du jetzt auch noch“, denkst du dir.

Wir hatten bis zu 95 Wochenstunden. Wenigstens das hat sich ja schon gebessert inzwischen. Ich hab mich damals bei Gott nicht göttlich gefühlt (von wegen: Götter in Weiß), sondern einfach ohne Alternative. Frag mal jemand meine Kinder, wie es denen damals ging! Oder meinen Mann, der auch im Turnus war. Teilweise haben wir nur über Zettel kommuniziert, die wir am Küchentisch hinterlegten, damit der Partner am Laufenden ist, wenn er heimkommt. (Zur allgemeinen Beruhigung: wir sind immer noch verheiratet.)

Als ich dann im letzten Turnusjahr noch mal schwanger wurde, hab ich es Breitseite zu spüren bekommen, was es bedeutet, ein mickriges Grundgehalt zu haben: Als Schwangere darfst du auf der Stelle keinen Nachtdienst mehr machen und auch keine Überstunde. Die Kollegen haben mich gebeten, ich möge möglichst lange damit zuwarten, meine Schwangerschaft zu melden, damit sie nicht meine Nachtdienste übernehmen müssen. Mit dem Grundgehalt fiel ich umgehend weit, weit runter – auf umgerechnet € 1.000 brutto damals – und zwar zunächst mal bis zum Beginn des Mutterschutzes. Natürlich dann auch beim Karenzgeld. Recht viel mehr ist das Grundgehalt ja jetzt auch nicht, wenn man 20 Jahre vergehen lässt.

So gesehen bin ich stolz auf meine Kollegen, die jetzt endlich auf die Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes pochen! Wir hatten das damals auch mal versucht – mit zaghaften Ärzteversammlungen, sind aber abgeprallt bei der Politik, weil wir nahtlos ersetzbar waren. Das ist jetzt anders.
Dass durch diese Debatte nun auch endlich zu Tage tritt, wie mies wir alle entlohnt wurden – hier darf durchaus der Begriff der gezielten Ausbeutung verwendet werden! – ist ein sicherlich nicht kleiner Kollateralschaden, den aber nicht wir Ärzte verschuldet haben.
Es muss sich was ändern – und wann, wenn nicht jetzt?

Dr. Ursula Hammel ist Allgemeinmedizinerin in Schärding

8 Kommentare
  1. Weiß Matthias
    Weiß Matthias says:

    Glückliches OÖ.??? da bin ich ja froh,dass mich die OÖ Ärzte nicht behandeln dürfen??? (Wegen der fehlenden Kassenverträge) Tolle EU: Oder ?Als deutscher Gast in OÖ ,schon sei 40 Jahren finde ich den Streit um die Gehälter der Ärzte eine Frechheit !
    Schaut Euch mal die Gehaltslisten Eurer Politiker an:

    Ich lebe sehr gerne im Innviertel…..ABER wenn ich krank werde….fahre ich über den Inn.
    Felix Austria !! Möge endlich die Landesregierung von ihren Krankheiten geheilt werden,wenn auch nur im „“KOPF““

    Maat et joot….Matthias Weiß am 26.02. 2015 aus Niederkassel am Rhein

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  2. Gabriele Lenglinger
    Gabriele Lenglinger says:

    1993 war mein letztes Turnusjahr. 2 kleine Kinder zu Hause und 100 Stunden pro Woche im Krankenhaus.
    Was haben staatliche Organe damals gemacht? Ich musste eine Kinderfrau anstlellen musste, da keine Oma zur Verfügung stand. Ich habe sie ordentlich angemeldet. Eines Tages kam ein Brief vom Finanzamt und auch einer von der Gebietskrankenkasse, die jeweils einen Besuch eines Kontolleurs ankündigten. So wurde ich als Arbeitgeberin einer Kinderfrau genauestens kontrolliert, ob ich den Mindeststundenlohn gewährte. Bei meiner Frage, ob sie auch meinen Stundenlohn nachrechnen können, hörte ich nur : Akademiker müssen sich selbst wehren. So ging mein gesamtes Einkommen als Lohn für die Kinderbetreuung ( laut Gesetz 15 Monatsgehälter) auf. Mit meinem 100 Stunden Einsatz schuf ich zwar einen Arbeitsplatz, war aber schlechter gestellt als jeder andere Arbeitgeber, da Lohnkostenvorteil von Mitarbeitern vor der Steuer abgezogen werden können. Die Ausbeutung unserer Berufsgruppe wird hoffentlich bald ein Ende haben.
    Dringend muss auch darüber diskutiert werden, ob Steuern auf ärztliche Überstunden, die ja zum Wohl der Allgemeinheit geleistet werden, moralisch in Ordnung sind. Genauso sollte man sich anschauen, ob durch die Leistung von mehr als 40 / Woche nicht auch aliquot mehr Pensionzeiten pro Jahr erworben müsten: z.B.
    40/ Woche zählt für 1 Jahr, 80 Stunden sollten 2Jahre bringen.

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    • AR
      AR says:

      Steuerfreiheit auf Überstunden? –> Klares NEIN, denn andere Berufsgruppen die ebenfalls einen Dienst an der Allgemeinheit verrichten erhalten dies nicht!

      Und mehr Pensionszeiten ab 40h –> NEIN…

      Ihr Ärzte stellt euch immer über alle anderen Berufsgruppen und von Ausbeutung kann hier auch nicht die Rede sein…blickt einfach mal nach links und rechts…wem gehts denn nicht so?!

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  3. Dr. Doris Knibbe
    Dr. Doris Knibbe says:

    Sehr gut zusammengefasst Uschi!
    Ich hatte eine ähnliche „Karriere“
    93 Turnusbeginn, 2 Kinder, 60 – 80 Wochenstunden.
    Ich blieb dann im KH : Fachausbildung Innere Medizin, Zusatzfach Intensivmedizin
    Als Oberärztin nach 18 Dienstjahren mit Verantwortung für Ambulanz, Intensivstation und Bettenstationen bekam ich 13 € (bei 60 Wochenstunden)
    Seit 3 Jahren bin ich nicht mehr im KH , sondern in der Rehab tätig. Ich hätte mir weitere 15 Jahre unter diesen Bedingungen nicht vorstellen können. Ohne Nacht – und Wochenenddienste kommt einem jetzt noch wie Urlaub vor !
    An Ärzteversammlungen 2003 kann ich mich auch erinnern : Unsere Vorschläge wurden damals nicht einmal ignoriert!

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  4. Dr Michael Dolezal
    Dr Michael Dolezal says:

    Hallo Uschi!
    Wenn ich mich so umschaue und umhöre im Freundeskreis, sind mir Deine Schilderungen sehr vertraut.
    Jahrelang, um nicht zu sagen Jahrzehntelang, ist es der Politik und anderen Institutionen gelungen, die Interessensunterschiede der Ärzte zu nützen. Bis zu einem bestimmten Grad sind diese interessensunterschiede ja verständlich, klarerweise auch eine Folge der wunderschönen Vielfältigkeit unseres Berufes. Arzt und Arzt ist noch lange nicht dasselbe trotz des gleichen Berufes. Allerdings wurden Rivalitäten und Konflikte durchaus instrumentalisiert. Unser Fehler war, dass wir das zugelassen haben. Die möglichen Antworten nach dem „warum“ sind vielfältig. Als Antwort auf die augenblickliche Situation gibt es nur EINE: endlich bemerken wir alle, dass wir zusammenstehen müssen, denn jeder Missstand in einer Ecke, in einer Sparte, wirkt sich wie in einem Dominoeffekt auch auf die anderen Teile aus.
    Unsere Arbeit ist ein Puzzle. Jeder fügt sich in das Gesamtbild der Arbeit für die Patienten ein. Das ist der Schlag durch den Gordischen Knoten des Systems!
    LG Micha

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  5. Markus Wolfsgruber
    Markus Wolfsgruber says:

    Die Richter und Staatsanwälte haben bereits am ersten Tag nach der Gehaltsreform protestiert, nächste Woche fallen Gerichtstermine aus. Wir werden jahrelang hingehalten und arbeiten immer noch brav ! Sind wir bescheuert ? Den streikenden Lufthansa-Piloten ist es auch egal, ob jemand auf Urlaub fahren will, die Mitarbeiter der Wiener Linien streiken auch, egal ob Kinder in die Schule müssen oder die Leute zur Arbeit kommen müssen. Wir müssen endlich einmal unsere Interessen vertreten, unabhängig davon, ob es für Patienten Unannehmlichkeiten bringt. Nur unzufriedene Patienten machen Druck, unsere Stimmen (auch Wählerstimmen) sind den Politikern völlig egal.

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    • Pöstlingberg
      Pöstlingberg says:

      Nein, Ihr tut Eure humane Pflicht. Den Richtern kann niemand wegsterben, Euch aber schon! Wir Patienten unterstützen Euch voll gegen einen uneinsichtigen Pühringer. Ich hoffe nur, dass endlich auch andere begreifen, wer sie da seit Jahren an der Nase herumführt! Aber Pühringers Pech, heuer sind Landtagswahlen und wir werden es uns merken!

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