J´accuse – ich klage an…

Die dieser Tage laufende Diskussion um die längst überfällige Normalisierung der Arbeitszeit für eine ganze Berufsgruppe, die Ärzteschaft, nimmt Formen an, die nicht mehr erträglich sind.

Worum geht es?
Österreich ist Mitglied der EU. Das bedeutet zum Beispiel, bestimmte gesetzliche Vorgaben der EU zu akzeptieren. Eines dieser Gesetze betrifft die Arbeitszeiten der Ärzte. Kurz die wichtigsten der „neuen“ Regeln:
– maximale Wochenarbeitszeit, durchschnittlich innerhalb eines Durchrechnungszeitraumes von 17 Wochen: 48 Stunden
– maximale Arbeitszeit einer Woche bis 60 Stunden (in begründeten Fällen, zeitlich limitiert)
– maximale Dienstzeit an einem Stück: 25 Stunden

Die Realität derzeit:
Wochenarbeitszeit bis 72 Stunden, Dienste (Tag-Nacht-Tag) bis zu 32 Stunden am Stück, wenn man den Dienst „verkürzt“,d.h. jetzt schon nach 25 Stunden heimgeht, werden oft die „fehlenden“ Stunden am Folgetag als Minusstunden gerechnet. Weitere Details bitte beim Spitalsarzt Ihres Vertrauens zu erfragen. Die Verträge für Vollzeit lauten aber für 40 Stunden. Die auffallende Differenz zur Realität ergibt sich aus einer Mehrleistung unsererseits, die seit Jahrzehnten institutionalisiert wurde.
Nur zum Vergleich mit anderen Branchen:
– 48-Stunden-Woche bis 1959
– 45-Stunde-Woche 1959
– 43-Stunden-Woche 1970
– 42-Stunden-Woche 1972
– 40-Stunden-Woche 1975
– einige Branchen 38,5-Stunden-Woche 1985
Aber so weit denken wir gar nicht. Was wir wollen, das ist ein Arbeitszeitgesetz, vergleichbar mit dem von 1954 (!). Unbescheiden?

J´accuse – ich klage an…
Das entsprechende Gesetz der EU wurde 2003 beschlossen und ist seit 2004 in Kraft.
In Österreich wurde es niemals umgesetzt! Die Verantwortlichen der Politik haben es ignoriert. Übrigens trotz verschiedentlicher Warnungen unserer Vertreter.
Aus diesem Grund erging 2013/14 ein EUGH Urteil, das Österreich verpflichtet, mit 1.1.2015 eben dieses Gesetz der EU umzusetzen. Unverzüglich. Übrigens mit Strafzahlungen an Brüssel von 5 Millionen Euro im Fall eines Verzugs. PRO MONAT!
In anderen Ländern, insbesondere in unserem Vorbild Deutschland wurde es zwar auch nicht ohne Schwierigkeiten aber schon seit 2005 umgesetzt.
Die Verantwortlichen der Politik bei uns haben es ignoriert. Bisher 10 (!) Jahre lang.

J´accuse – ich klage an…
Und bei uns? Sucht die Politik Tricks und Auswege, um uns dazu zu bringen, freiwillig unter Übernahme des vollen Risikos, die bisherige Regelung einfach weiterzuschreiben.
Wir sollen unter dem harmlosen Titel „Opt Out“ unterschreiben, freiwillig ein gültiges Gesetz der EU zu verbiegen, bis es bricht.
Es ist schon begreiflich, dass die Träger der Verantwortung (!) einige Wochen vor dem 1.1.2015 nervös werden.
Es ist aber auch begreiflich, dass die Träger der Arbeitsleistung (!) nun ihre Zustimmung zu einer Weiterführung eines in der Substanz unerträglichen Zustandes verweigern.

J´accuse – ich klage an…
Man hatte 10 (!) Jahre Zeit, sich auf die Situation einzustellen. Man hatte einen vollen Pool an Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt. Es erscheint aber auch als Schieflage und legt den Verdacht einer gewissen Willkür nahe, wenn bei einer großen Menge damals arbeitsloser Mediziner die Leute „mit Job“ im Spital schon damals ausgesprochen überbordend Überstunden geleistet haben.
In der Zwischenzeit hat sich die Situation geändert. Die Bedingungen in benachbarten Ländern sind harmlos gesagt deutlich besser. Daher wandern unsere Leute ab. Das ist ein Problem, denn alleine Deutschland könnte bis 2030 oder so die ALLE Absolventen aller österreichischen Medizin-Universitäten aufnehmen. Schon jetzt verlässt die Hälfte unserer Mediziner sofort nach dem Studium das Land.
Die Politik will das nicht hören, nicht sehen, nicht darüber sprechen. Die neue Medizin-Universität in Linz lässt den ersten Facharzt um ca. 2025 erwarten. Und die Zahl der Studienplätze wird durch Linz österreichweit nicht einmal erhöht. Die Studenten dieser Uni studieren derzeit in Graz. Aber einen Vorstand gibt’s schon.

J´accuse – ich klage an…
In Oberösterreich, unser verantwortlicher Referent, LH Pühringer redet nicht einmal gescheit mit uns. Im Gegenteil, er pokert.
Er ist der Meinung, es braucht mehr Daten und Fakten um zu verhandeln. Und das kann dauern. Erfahrungsgemäß.
Nun, in Wahrheit liegen alle Daten bereits auf seinem Schreibtisch. Auch in anderen Bundesländern spielt die Politik Machtspiele und verlässt sich auf die bisher in gewissem Sinn traditionellen Interessensunterschiede innerhalb der Ärzteschaft und man beginnt plakativ mit den ebenso traditionellen wie unsinnigen Interessenskonflikten zwischen Pflege und Ärzteschaft zu kokettieren. Dass die Pflege ohnehin ähnlich gelagerte Schwierigkeiten zu bewältigen hat, interessiert die Politik auch nicht. Ich behaupte, das ist für die Politik auch irrelevant.
Hauptsache, wir beginnen zu streiten.

Ein Effekt hat sein Gutes: Je länger, je öfter die verantwortlichen Politiker uns ALLEN das Gefühl geben, man benützt uns als Jonglierbälle, desto einiger werden wir derzeit. Alle zusammen werden wir doch noch einmal zum „Medizinball“ und mit dem jongliert sich´s bekanntlich nicht so leicht.
Ich fordere die Politik auf, nicht nur in Oberösterreich, die beschämenden Verhaltensweisen uns gegenüber aufzugeben. Wir haben das Desaster nicht verursacht, wir erleiden es. Ebenso wie – eher kürzer als längerfristig – die Patienten, denen wir uns viel mehr verpflichtet fühlen als allgemein in der Bevölkerung wahrgenommen wird.
Ich fordere die Kolleginnen und Kollegen auf, das deutlich zu artikulieren.
Ich bitte unsere Patienten, unser Anliegen nach vernünftigen Arbeitsbedingungen zu unterstützen. Danke!

OA Dr. Michael Dolezal ist Anästhesist am Salzkammergut-Klinikum Vöcklabruck

18 Kommentare
  1. Alexander Egger
    Alexander Egger says:

    In der Tat sehr gut geschrieben. Wenn die Leute mehr mobil wären, wäre das System schon viel länger zusammengebrochen. Viele Grüße aus dem Ausland, wo das Arbeiten so viel schöner ist. 4 Tage pro Woche, sher flache Hierarchien, bessere Teamarbeit etc. Kollegen, verlasst das Land. Davor wird die Politik nicht wach. War in Deutschland auch so.

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  2. Peter Wachter
    Peter Wachter says:

    Lieber Kollege!
    Es ehrt Dich so zu denken und noch viel mehr ehrt es Dich Deine Meinung auszusprechen, Deinen Namen darunter zu setzen. In Zeiten, in denen sich vor allem jüngere Ärzte mit teils unterschwelligen, teils offen ausgesprochenen Drohungen konfrontiert sehen, in denen mit ihrer Existenzangst gespielt wird, als Druckmittel eingesetzt um sie zu einem opting out zu bewegen, ein mutiger Schritt in eine hoffentlich bessere Zukunft als Spitalsarzt.

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    • Dr Michael Dolezal
      Dr Michael Dolezal says:

      Lieber Peter Wachter!
      Ich hab vor einiger Zeit das Bild eines Graffitti bekommen, das besagt: speak the truth, even if your voice shakes. Das ist ein Schlüsselwort. Ebenso der Satz des chinesischen Generals SunZi vor 2500 Jahren: Die Furcht ist Dein Gegner. NUR die Furcht.
      Schweigen ist letztlich der stärkste Komplize derjenigen, die „über Dich drüberfahren“ und noch meinen, es sei ihr gutes Recht, das zu tun. Die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben ein starkes Beharrungsvermögen. Wie ein großes Schiff. Zumal die Steuermänner in Sichtweite des Eisbergs noch immer nicht Willens sind, einzulenken. Sie beschränken sich drauf abzulenken, was aber das Problem nicht löst. Nur gemeinsam kanns gehen. Die einzige Möglichkeit IST die Mitsprache. Die Drohenden sind in der Minderheit. Wir sind in der Position, das klarzustellen.

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  3. Bruno Jonas
    Bruno Jonas says:

    Verstößt das Opt-out möglicherweise gegen EU Recht?? Kann das jemand klären?? Das würde ich denen glatt zutrauen, das wäre dann ja der Hammer! Gibt’s vielleicht irgendwelche Rechtsexperten die da Antworten können??

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    • Dr Michael Dolezal
      Dr Michael Dolezal says:

      Grundsätzlich ist das OptOut möglich. Ob allerdings eine Übergangszeit von – wenn mans vom EuGH-Urteil weiterrechnet – mehr als 7 Jahren akzeptabel ist, nachdem man 10 Jahre hat verstreichen lassen, halte ich für unwahrscheinlich. Man versucht ziemlich kalt, das Gesetz (!) so lange wie möglich auszuhebeln. Das kann nicht im Sinne der Richter gewesen sein. Ich persönlich finde es ja kurios, denn, wie Alex Rothe richtig bemerkt, andere EURegelungen, wie sein Beispiel mit der Glühbirnenverordung zeigt, wurden vergleichsweise mit „Turbo-Booster“ umgesetzt. Ein Schelm, wer den Grund dahinter in gutem Zuspruch der daran interessierten Industrie vermutet. Das Verhalten unserer Politiker ist indiskutabel.

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  4. heinz GERHARDS
    heinz GERHARDS says:

    unter den genannten Bedingungen würde ich mich diesen Bedingungen nicht mehr aussetzen – sondern einen „bürgerlichen Beruf“ ergreifen.Wenn man Urologen mit Installateuren vergleicht :Handwerk hat goldenen Boden – und Fachkräfte werden ja sehr gesucht.Was die Parteipolitiker wirklich wollen :einen Gesundheitsdienst, der kostengünstig ist und die Qualität der Gesundheitsversorgung entscheidend veringert .Die Vertreter unseres Berufsstandes und wir selbst sind gefordert, mindestens so harte Arbeitskämpfe zu liefern wie z. B die deutschen Piloten meine ich als Pensi.

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  5. Michael Rosner
    Michael Rosner says:

    gut gebrüllt, löwe mike – alles gute und lasst euch nicht unterkriegen, andernfalls gibt’s sicher ein platzerl im benachbarten nö, wo nicht alles aber doch schon einiges weitergegangen ist.

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  6. Margarete Kaufmann
    Margarete Kaufmann says:

    http://www.wienerzeitung.at/meinungen/kommentare/253126_Wieviel-verdienen-Aerzte-wirklich.html
    Allgemeinmediziner, von denen es etwa 5500 gibt, verdienen rund 3500 Euro im Monat netto (auf 14 Mal im Jahr gerechnet).
    Ein möglicher Lösungsvorschlag:
    Ein Nationalrat verdient netto € 7.000,00 für vielleicht 35 Wochenstunden Arbeitszeit.
    Ein Arzt verdient netto € 3.500,00 für 70 Wochenstunden.
    Einfach mal tauschen:
    zwei Ärzte für das Gehalt eines/einer NR-Abgeordneten und
    zwei NR für das derzeitige Gehalt eines Arztes (er arbeitet ja auch nur halb so viel)
    ergibt sofort 183 zusätzliche Ärzte aus dem NR-Gehalt sowie
    183 x 1.750 anstelle 183 x 3.500 macht eine Einsparung von 320.250,00
    Davon können wieder 91,5 Ärzte mit € 3.500,00 monatlich bezahlt werden.
    Das ändert zwar für die Ärzte beim Gehalt noch nichts, aber die Arbeitsbelastung würde sich doch verringern, wenn 274 Ärzte dazu kommen.
    Turnusärzte kommen überhaupt nur auf € 2.000,00 monatlich. Da würde diese Rechnung nochmals anders aussehen.

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  7. walkner heidi
    walkner heidi says:

    vielleicht sollten die „minusstunden“ noch extra erklärt werden? das ist nämlich derartig abartig, dass vermutlich nur wenige sich vorstellen können, wie das tatsächlich läuft!

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  8. peter scheer
    peter scheer says:

    Großartig! Gratulation! Fürchte trotzdem, dass die Verpflichtung der Ärzte die Politik wird gewinnen lassen. Ich habe Wochenenddienste mit 53 Stunden gemacht und habe es in bester Erinnerung.
    Man wußte alles und wartet auf unsere Schwäche (s. BM Stöger). So steigt man auf, wenn man Ärzte schlecht macht.

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  9. MR Dr Otto Koren
    MR Dr Otto Koren says:

    Die Verantwortlichen, welche jahrelang mit fetten Gehältern geschlafen haben und jetzt Mediziner zwingen, für verlängerte Arbeitszeit zu unterschreiben, müssen dafür angezeigt und vor Gericht gestellt werden.

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  10. Christian Schwarz
    Christian Schwarz says:

    Perfekt formuliert!
    Auch wenn die Interessenslage je nach Situation des einzelnen Spitalsarztes unterschiedlich sein mag, ein einheitliches Auftreten nach Außen macht uns stark! Vergessen wir die kleinen Unterschiede, sprechen wir mit einer Zunge!

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  11. Andreas
    Andreas says:

    Bitte als Leserbrief in die Zeitungen geben!

    Und bitte hier mitteilen, falls die Zensur dies unterdrückt hat.

    Vermutlich werden nur öffentlich sichtbare Maßnahmen (Pressekonferenz, Streik) die Sichtbarkeit des Anliegens in den Medien erhöhen („Regierungsinserate“).

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    • walkner heidi
      walkner heidi says:

      als leserbrief natürlich zu lang – aber gekürzt? wäre super! und den diversen medien auf alle fälle zukommen lassen, vielleicht springen welche auf? großartiger artikel, gratuliere!!

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