Ich denke, so kurz nach Weihnachten darf man sich noch einmal etwas wünschen …

Auch die Ehefrau des Autors hat einen Brief geschrieben – diesen finden sie hier

Hier mein ´persönlicher´ Brief an den LH:

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann Dr. Pühringer !
Danke für Ihren von unserem Vorstandssekretariat (BHS Linz) weitergeleiteten, „persönlich“ an mich gerichteten Brief!

So sehr ich mich auch bemühe, ich kann nichts anderes als Betroffenheit und Enttäuschung über so wenig Wissen und Verständnis für die Situation von uns Spitalsärzten empfinden! Ich habe darüber nachgedacht, warum das so sein könnte:
Als Chorsänger hatte ich schon mehrmals die Gelegenheit, sie persönlich zu erleben – zuletzt am 8. November bei „Steyr singt“. Ehrlich: Ich habe selten so eine gute, engagierte und empathische Rede gehört wie die Ihre an diesem Abend! Sie erwähnten, wie sehr Sie das Engagement, das Können und die Leidenschaft für die Musik der Chorsänger und der Chorleiter bewundern würden – vor allem deshalb, weil sie jahrelang selbst Mitglied im Trauner Chor gewesen wären, und wüssten, wovon Sie reden!
Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, ich glaube, genau in diesem Punkt liegt unser gemeinsames Problem: Ich bin überzeugt, wenn sie die letzten 20 Jahre an meiner Seite im Krankenhaus verbracht hätten, dann würde ich jetzt einen völlig anderen Brief vor mir liegen haben!

Etwa so:
Sehr geehrter Herr OA Dr. Nell!
Es ist mir schon lange ein Bedürfnis, Ihnen persönlich zu schreiben und ich bin froh, nun endlich die Gelegenheit dazu zu haben!
Als Erstes möchte ich mich bei Ihnen Entschuldigen! Ich fühle mich mitverantwortlich für all die Anstrengungen, Entbehrungen und Härten, die Sie, vor allem aber auch Ihre Familie, in den letzten 20 Jahren erleben bzw. erleiden mussten!
Ich weiß, dass Sie vor allem in den ersten Jahren oft mehr als 100 Stunden im Krankenhaus verbringen mussten, egal ob ein Familienmitglied krank oder verzweifelt war! Ich weiß, es war hart für Sie, wenn sie oft so lange von zu Hause weg waren, dass Ihre kleinen Söhne Sie kaum mehr kannten oder einfach traurig waren, weil der Papa wieder einmal für ewig weg muss!
Ich weiß es zu schätzen, dass Sie damals Ihre Patienten nicht alleine ließen, auch wenn mir heute bewusst wird, dass es sehr wohl Alternativen gegeben hätte. Schließlich gab es damals mehr als genug junge Ärzte. Ich gebe ja zu, dass es damals zu verlockend war, Ihre Sorge um den Job auszunutzen, und Sie um einen lächerlichen Stundenlohn unverantwortlich lange arbeiten zu lassen! Ich weiß auch, dass es unglaublich anstrengend sein kann, mitten in der Nacht unter Stress und Adrenalinausstoß um die Gesundheit – manchmal um das Leben – eines Kindes kämpfen zu müssen. Ich bin Ihnen für jedes gesunde Kind unendlich dankbar. Schließlich sind die Kinder jene, die in Zukunft Steuern, Sozialversicherung und Pensionen für uns bezahlen müssen!
Nun ist mir auch klar, dass die enorme Verantwortung, die immer wieder auf Ihren Schultern lastet, mit Geld unmöglich auszugleichen ist. Das persönliche Engagement und die Freude am Beruf von Ihnen und vielen Ihrer Kollegen hat trotz, wie ich leider erst jetzt erkannt habe, äußerst schwieriger Rahmenbedingungen ein Zusammenbrechen der Patientenversorgung in OÖ verhindert!
Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie durchgehalten haben! Ich schätze Ihre Arbeit als erfahrenen Oberarzt und wäre sehr froh, Sie für weitere 20 Jahre gewinnen zu können!
Ich kann leider nicht mehr gutmachen, was unser Gesundheitssystem Ihnen in der Vergangenheit angetan hat, aber ich verspreche Ihnen, alles Erdenkliche zu unternehmen, um Ihnen in Zukunft ein menschenwürdiges und freudvolles Arbeiten zu ermöglichen!
Als erster Schritt wird nun endlich die Wochenarbeitszeit auf ein erträglicheres Ausmaß reduziert. Ich bin so wie viele andere dem Irrtum erlegen, dass Ärzte keine Menschen wie ‚du und ich‘ sind und ihnen deshalb mehr als der restlichen Bevölkerung zuzumuten ist.
Ich möchte ausgeruhte und gesunde Ärzte und ich werde so rasch wie möglich dafür sorgen, dass für Sie und Ihre Kollegen selbstverständlich eine Normalarbeitszeit von 40 Stunden gilt!
Ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass Oberösterreich für Ärzte, auch international gesehen, ein sehr attraktives Arbeitsumfeld darstellen wird! Wir werden jeden einzelnen Arzt dringend benötigen!
Wenn Sie mir erlauben, werde ich mit sofortiger Wirkung die Grundgehälter um 1200 € anheben! Ich habe eingesehen, dass das von Ihren Standesvertretern vorgeschlagene Maßnahmenpaket alternativlos ist!
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie frohe Weihnachten und Gesundheit im neuen Jahr!
Mit freundlichen Grüßen!
Ihr Landeshauptmann …

… Sehr geehrter Herr Dr. Pühringer!
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie darauf vertrauen würden, dass wir Ärzte sehr wohl wissen, wie unser Gesundheitswesen gesund bleiben bzw. werden könnte. Schließlich liegt uns selbst am meisten daran! Ich weiß, dass für viele meiner Kollegen die Faszination am Beruf und die Freude am Helfen mehr Antrieb bedeutet als kurze Arbeitszeiten und Geld! Genau diese Einstellung hat aber dazu geführt, dass sich ein System entwickelt hat, das letztendlich nicht nur uns, sondern auch unseren Patienten schadet.
Ich garantiere Ihnen, dass ich auch in Zukunft – bei entsprechenden Rahmenbedingungen – all meine Kraft und meine Fähigkeiten für das Wohl meiner Patienten einsetzen werde!
Ich garantiere Ihnen aber auch, dass wir Ärzte uns weder durch Neiddebatten noch durch unseriöse Versprechungen in unserer Einheit beeinträchtigen lassen werden!
So hoffe ich, dass Sie im nächsten Jahr – nach für beide Seiten erfolgreichen Verhandlungen – eine ähnlich begeisterte und wohlwollende Rede vor uns Ärzten halten werden wie ich sie als Chormitglied erleben durfte!

Mit freundlichen Grüßen!
Dr. Gerhard Nell, Kinderarzt am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz

1 Antwort
  1. Franz Schramböck
    Franz Schramböck says:

    Lieber Dr. Nell!
    Ich bin noch Schulkollege Ihres Vaters und habe in meinem schon langen Leben gerade in den letzten 10 Jahren viel Zeit damit verbringen müssen, im Spital oder in der Ordination warten zu müssen. Ich weiß, was Ärzte leisten und an dieser Ärztemisere ist sehr wohl auch unser „Gesundheitsreferent“ LH. Pühringer mit schuld. Wenn man gleichzeitig auch noch Finanzreferent des Landes ist, dann wird man zu Nestroys Zerrissenen. Einerseits soll er sparen, andrerseits ve3rsteht er als Laie, so wie ich, nur minimal etwas von KH und Medizin. Aber wie ich ihn kennen, hört er ja leider nur auf die, die in ständig loben und Kritik ist ziemlich unerwünscht! Er hat die sogenannte „Spitalsreform“ vom Zaun gebrochen und jetzt sieht auch er langsam, was er angerichtet hat. Die Betroffenen sind die Ärzte und die Patienten! Wer verlangt von einem Taxifahrer, dass er 1 1/2 Tage und mehr, durchgehend arbeiten soll? Aber von den Ärzten, die über die Gesundheit von uns zu entscheiden haben, von denen verlangt man das? Hr. Pühringer muss jetzt die Suppe auslöffeln, die er Euch Ärzte eingebrockt hat und da finde ich eine Lobhuddelei überhaupt nicht angebracht. Er kann tausende Briefe schreiben (lassen), die werden das Problem nicht lösen. So wie er seinerzeit vor der Lehrerschwemme gewarnt hat, hat er später vor der Ärzteschwemme gewarnt und was ist heute? Beamte gehen heim nach 16 Uhr, Ärzte müssen bleiben, über Nacht!!

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