Ein trauriges Kapitel österreichischer Vorsorgemedizin

Erfüllt die oberösterreichische Gebietskrankenkasse (OÖGKK) ihren Versorgungsauftrag?

Beispiel  Vorsorgekoloskopie

Dreimal im Jahr treffen sich die Linzer (und auch ehemalige Linzer) Endoskopiker, sowohl niedergelassene als auch Internisten und Chirurgen aus Spitälern beim von Prof. Schöfl organisierten Endoskopie-Stammtisch, um sich fortzubilden.

von hoffnungslosen Idealisten

Thema des jüngsten Abends war die „Die Kooperation zwischen niedergelassenen- und Krankenhaus-Endoskopikern“. Es gab einen Vortrag über Komplikationsmanagement, die Kosten bzw.  Kostendeckung der Koloskopie (Darmspiegelung) im niedergelassenen Bereich wurde durchleuchtet.
Die OÖGKK bezahlt für eine Koloskopie mit Sedierung rund 160 €, dazu kommt noch eine Erstordinationspauschale von etwa 18 €, macht gut 180 € für eine Koloskopie. Damit bleibt zwar nach Abzug der Kosten kaum etwas übrig, aber es ist immerhin gerade noch kostendeckend. Verdienen kann man erst, wenn man Polypen findet und abträgt: 100 € pro Polyp.
Als Sonderstellung österreichweit gibt es für die Vorsorgekoloskopie überhaupt keinen vernünftigen Vertrag zwischen OÖGKK und niedergelassenen Endoskopikern. Hinzu kommt, dass die OÖGKK ebenfalls als Alleinstellungsmerkmal eine Leistungseinschränkung eingezogen hat: ab 49.000 € Gesamtumsatz (nicht Gewinn!) im Quartal, werden die weiteren Leistungen mit minus 33 Prozent verrechnet, ab 65.000 € Quartalsumsatz werden 45 Prozent abgezogen.
Wer also im dritten Monat noch was leistet, ist ein hoffnungsloser Idealist, da eine Koloskopie für 120 € schon Liebhaberei ist und um 99 € nur noch ein Witz.

und den Konsequenzen

Als Konsequenz macht von vier niedergelassenen Chirurgen mit OÖGKK-Kassenvertrag in Linz überhaupt nur noch ein Kollege Koloskopien. Die anderen haben das wegen Unrentabilität aufgehört: Hoher technischer, zeitlicher  und finanzieller Aufwand und zu wenig Geld dafür.
Die Koloskopie wird also in Spitals- und Wahlarzt-Bereiche verlagert. Nachdem die Wartezeiten für eine Darmspiegelung in den Linzer Spitälern mittlerweile fast ein Jahr betragen, bleibt den Patienten, die nicht so lange warten wollen, nur der Wahlarzt-Sektor, der aber um kostendeckend bzw. mit Überschuss arbeiten zu können, 200 bis 280 € verlangen muss, um die hohen Investitionen auch nur irgendwie wieder hereinzubekommen.
Warum ist das so? Die Endoskopiker haben keine Lobby und praktisch keine Vertretung, die für sie sinnvolle Tarife ausverhandelt. Die niedergelassenen Chirurgen sind überhaupt zu wenige, um irgendwo Gehör zu finden.
Die „Vorsorgekoloskopie“ ist in Summe ein trauriges, aber leider typisches Beispiel österreichischer Vorsorgemedizin, die über das Werbebudget hinaus offenbar nicht gewillt ist, Strukturen so zu finanzieren, dass die Durchführung mit entsprechender Qualität sinnvoll möglich ist.
Die Tarife wurden in den letzten Jahren übrigens weder inflationsangepasst noch sonst irgendwie angehoben.

 

Oberarzt Dr. Alexander Rothe ist Leiter der Chirurgischen Endoskopie, II. Chirurgie, am AKH Linz

2 Kommentare
  1. Ein Erschütterter
    Ein Erschütterter says:

    Kinderzahnheilkunde:

    Aufgrund des Kassenvertrages aus dem Jahr 1957, der im Bereich der Kinderzahnheilkunde in keinster Weise reformiert wurde, bezahlt der ZA seine Angestellten u.a. Kosten aus eigener Tasche. Wenn ein Milchzahn gezogen werden muß, vergeht schnell eine Stunde mit Beratung/Aufklärung, Anästhesie. Nicht selten sind mehrere Termine erforderlich, um eine Basis mit dem Kind aufzubauen.

    Immer wieder stirbt ein Kind, wie die 4jährige Nicole im Sommer 2012 in Graz. Das Kind war wegen von bildungsfernen Eltern verschleppter Behandlungsindikation an 10 kariösen Milchzähnen zu behandeln. In der Narkose verstarb sie schrecklicher Weise an einer Narkosekomplikation.

    Die Politik weigert sich seit 1974, das zahnärztliche Beratungsgespräch in den MutterKindPaß aufzunehmen – am Besten mit Kopplung an Sozialtransfers und nimmt daher den Tod von Kindern in Kauf. Warum ist der damals ressortzuständige Minister Stöger nicht auf der Anklagebank gesessen, als über den unnötigen Tod der kleinen Nicole verhandelt wurde?

    MFG EE

    Antworten
  2. mahringer
    mahringer says:

    Welcher chirurgische tarif im niedergelassen bereich ist in der heutigen zeit mit sterivorschriften die zu einmalgeraeten zwingt ueberhaupt kostenneutral.rechnet man die arbeitszeit dazu wirds zur liebhaberei

    Antworten

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