Das neue Gefühl der Menschen in Weiß

meine Gedanken vor dem Zubettgehen …

Solidarität ist ein missbrauchtes Wort – und doch drückt es aus, was ich in den letzten Tage spüre. Gibt es sie unter Ärzten? Es gab sie immer – im Spital, wenn bei Notfällen stationsübergreifend geholfen wurde, um Patienten zu behandeln oder zu retten. Auch in den langen, teils einsamen Nachtdiensten, wenn ein Kollege sagte: „Kannst noch, brauchst was?“ Als kleiner Gott in Weiß hat man meist abgelehnt. „Geht scho – eh nix!“ Obwohl man wusste, dass es anders war.

In den vergangenen Jahren hörte man immer öfter: „I halt des nimmer aus!“ Viele sind gegangen – Kollegen, Freunde, auch ich. Es bleibt eine gewisse Leere zurück: Hat man es nicht geschafft? Hat man sich nur für die bessere Lebensqualität entschieden? Eigentlich verwerflich, solche Gedanken! Du hast doch gesagt… Die anderen zurücklassen. Vor wenigen Tagen hat ein ehemaliger Kollege im Dienst einen Schlaganfall erlitten. Schlimm. Ein anderer sagte mir: „Mich hat´s auch bald!“

viele Fragen

Ja, was soll aus den Kranken in Weiß noch werden? Wie schaut es hinter Spitalstüren aus? Als eigener Chef in der Ordination? Zugegeben, mehr Gehalt, mehr Freizeit – aber man nimmt die Arbeit mit nach Hause, mehr Einsamkeit, mehr Einzelkämpfer – und das finanzielle Risiko. Hab ich eh alles gemacht? Kein Zweiter, der sagt: „Passt schon!“
Wie schaut es hinter den Landesgrenzen aus? Alles besser ? Will das wirklich jeder, wegen Geld seine Heimat verlassen, wenn das Abenteuer lockt?

Mit diesen Gedanken wollte ich dann einschlafen, aber es ging nicht….

Diese Woche wieder viele Patienten. Du kannst nicht die ganze Welt retten! Du wirst wieder Patienten abweisen müssen, denk ich mir. Dabei fühle ich mich schlecht. „Geht no ana?“, fragt die Ordinationsassistentin. „Naja“, sage ich und denke an meinen Kollegen im Spital. „Geht scho“, sag ich und meine eigentlich nein. Ich wollt eigentlich einen persönlichen Umgang mit meinen Patienten. Doch es wird immer dichter, immer mehr. Im Hinausgehen rufe ich dem Patienten nach: „Des wird scho!“ und eigentlich wollte ich sagen: „Schauen S´, erzählen Sie mir des mal genau.“
Ja, schlafen wollte ich eigentlich. Neben mir das konstante Brummen meines Handys, wenn wieder eine neue Nachricht auf Facebook kommt. Brummen? Da fällt mir ein, dass einmal einer gesagt hat, dass wir uns gerade wie Problembären aufführten. Streiken wollen die! Eigentlich wollen sie nur ein Gesetz einhalten…

Was soll´s! Was auch immer geschehen wird, es ist nichts wie es war. Hier kommt eine PN (persönliche Nachricht, Anm.) vom Primar Soundso und Turnusarzt antwortet. Geh, lieber Präsident, könntest du nicht, usw. Ein soziales Netzwerk – virtuell, aber doch real. Wir haben uns auch schon real getroffen – echt!

Was ist geschehen? Aus den Göttern sind Menschen geworden, die müde werden nach einem Nachtdienst, die ihre Kinder mal sehen wollen, die ihren Partner nicht alleine lassen wollen, die Zeit für ihre Patienten haben wollen, die sie wieder als Menschen erkennen wollen und nicht als Fälle.

Liebe Menschen in Weiß: Es gibt kein oben und unten, es gibt ein Füreinander für uns und unsere Patienten!
Gut, denke ich mir, es wird nicht mehr wie früher. Es wird besser – und schlafe ein.
Licht aus. Opt on (ich wähle das Leben!), gute Nacht!

Dr. Christian Prorok ist niedergelassener Urologe in Wels

2 Kommentare
  1. Manuel
    Manuel says:

    „Verrisen“, lieber Kollege, dieser Ausdruck hat mich plötzlich aufgerissen. Man will unter Kollegen mithalten. Wie oft erzählt jemand von 120 ÜStd im Monat und die eigenen 95 erscheinen einem gering. Wir nehmen Abstand vom Menschen (Kollegen und Patienten) und konzentrieren uns auf mechanische Fakten. Und gerade wenn dann eine Kollegin oder Kollege durch die Belastung zusammenbricht, wird von Schwäche gesprochen…nutzlos…gerade von Orthopäden. Dabei macht das unsere Medizin aus. Jeder von uns ist Arzt, Mutter/Vater, Tochter/Sohn, Patient/in, etc.
    Wir Ärzte kommen auch von vielen Seiten des Bio-psychsozialen Krankheitsmodels. Ob wir nun Narzissten sind und nur unsere Leistung zählt, krankhafte Helfer sind und vor Helfen nicht mehr wissen woher die Kraft nehmen, der Verlust durch oder das Miterleben einer schweren Krankheit eines nahen Anghörigen, usw., wir sind alle nur Menschen!
    Wir sollten unseren Patientinnen und Patienten ein Vorbild sein, stattdessen sieht man Überarbeitung, Vermeidung der Auseinandersetzung mit eigenen Problemen, Nikotinkonsum, hört von Alkohol und Drogenmissbrauch unter Ärzten, etc…medicus, quo vadis?

    Antworten
  2. Dr Michael Dolezal
    Dr Michael Dolezal says:

    Gut beschriebene Gefühle. So gut wie jedem gehts so ähnlich, bei der einen oder anderen Gelegenheit.
    Manchmal wird man dafür sogar von Kollegen „verrissen“.
    In Wahrheit ist das eine Notwendigkeit in unserem Beruf.
    Es bedeutet den Schritt vom „Mediziner“ zum „Arzt“.
    LG

    Antworten

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