Adrenalinspiegel (Teil 2)

Die Spitalsärzte sind ja jetzt endlich im Bereich der öffentlichen Wahrnehmung – weiter so!
Nun ein kleines Statement aus dem niedergelassenen Bereich:

Adrenalinspiegel

In der Woche mit dem 15. August (Feiertag am Freitag und zudem Urlaubszeit) hatte ich innerhalb von vier Arbeitstagen 415 Patienten in meiner Praxis.
415 – also bitte jetzt mal kurz drüber nachdenken, wie hoch da der Adrenalinspiegel war bei meinen Angestellten, in der Warteschlange vor dem e-Card-Lesegerät, im Wartezimmer (!!!), am Telefon ( … „i woit netta wissen, ob s´ ihr eh do saz?“ …) und natürlich bei mir selbst. Ich denke, da bewegen wir uns schon eher im Liter-Bereich.

Zwei Drittel der Patienten waren nur wegen irgendwelcher Rezepte und sonstiger Verordnungen da – das heißt, für das Ergattern eines vom Arzt abgestempelten Einkaufszettels, mit dem sie dann in die Apotheke und zum Bandagisten einkaufen gehen dürfen. Mit zunehmender Polypharmazie und sehr unterschiedlichen Packungsgrößen geht auch ständig wieder irgendein Medikament aus – ohne den abgestempelten Einkaufszettel geht halt nix.

Adrenalin-Junkey

Diese zwei Drittel senkten außerdem meinen Serotoninspiegel drastisch (man stelle sich diesen Hormon-Zweikampf vor: Adrenalin gegen Serotonin, nebst Östrogenen und Gestagenen…), weil ich da eine Sinnkrise erfuhr: Bin ich überhaupt ein Arzt? Braucht mich irgendwer – außer für Stempel und unleserliche Unterschrift? Und was ist, wenn ich da etwas richtig Ernstes, Medizinisches übersehen habe, zum Beispiel einen Facharztbefund nicht studiert, weil ich den Patienten gar nicht zu Gesicht bekam, sondern nur sein Rezept?
Ein Drittel der Patienten wollte doch auch meinen ärztlichen Rat, zum Beispiel ob die juckenden Düberl am Arm eh nichts Ernstes sind? Was? Echt nur Gelsenstiche? Im Ernst? Ah ja, danke, Frau Doktor. Oder eine Krankmeldung. Oder eine Überweisung (Zettel. Zettel.).
Ah ja: Kuranträge nicht zu vergessen – und am aller sinnlosesten: das SVA-Formular über die persönlichen Gesundheitsziele …
Bitte liebe Spitalsärzte: schimpft nicht auf uns Praktiker, wenn eure Ambulanzen verstopft werden mit Menschen, die eigentlich vom Hausarzt hätten behandelt werden sollen!
Weil der Wurm steckt im gesamten System – und der Wurm soll ja angeblich ein richtiger Adrenalin-Junkey sein …

Dr. Ursula Hammel ist Allgemeinmedizinerin in Schärding.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*