Offener Brief an die gesundheitspolitischen Verantwortlichen

Sehr geehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister!
Sehr geehrte gesundheitspolitisch Verantwortliche!

Die Nachbesetzungen von Kassenstellen werden in Oberösterreich immer schwieriger. Immer öfter werden wir gefragt, welche Maßnahmen man treffen könnte, damit (junge) Ärztinnen und Ärzte sich wieder verstärkt niederlassen.
Wir stellen dabei häufig ein erhebliches Informationsdefizit hinsichtlich der Probleme und Schwierigkeiten, die der niedergelassenen Ärzteschaft heute bereitet werden, fest.

Mit diesem Brief erlauben wir uns, auf die wichtigsten Fakten und Probleme hinzuweisen und ersuchen Sie, Ihre Möglichkeiten zu nutzen und Ihren Beitrag zu leisten, die medizinische Basisversorgung der Bevölkerung (insbesondere am Land) für die nächsten Jahre zu sichern.

Die wichtigsten Punkte sind:

Turnusausbildung und Lehrpraxis: Krankenanstalten bilden seit Jahren kaum mehr Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner aus. Der bevorstehenden Pensionierungswelle bei den praktischen Ärztinnen und Ärzten steht ein massives Defizit an jungen Kolleginnen und Kollegen gegenüber.
Dazu kommt, dass diese auch kaum eine Chance haben, den Praxisalltag kennen zu lernen: die neue Ausbildungsordnung ist ausgesprochen krankenhauslastig. Wir fordern seit Jahren eine 18-monatige Lehrpraxis in der Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin. Derzeit ist noch nicht einmal die Finanzierung der nun abgesegneten Minimalvariante einer sechsmonatigen Lehrpraxis gesichert.

Hausapotheken: die 2006 erfolgte Änderung des Hausapothekengesetzes führt zum Verlust zahlreicher Hausapotheken in ländlichen Gebieten. Deshalb konnten bereits einige Kassenstellen nicht mehr nachbesetzt werden. Beispiele in Oberösterreich für Nachbesetzungsprobleme sind die Gemeinden Molln, Wartberg an der Krems, Helpfau-Uttendorf oder St. Marien. Eine Reparatur dieses Gesetzes wird seit fast zehn Jahren versprochen – bisher ohne Ergebnis. Zahlreiche Gemeinden, auch in anderen Bundesländern, beklagen diesen Umstand.

Vorsorgeuntersuchung und Mutter-Kind-Pass: Diese höchst sinnvollen und in Österreich auch beliebten Präventivprogramme sterben einen langsamen Tod. Seit 2005 wurden weder die Programme dem medizinischen Fortschritt angepasst noch das Honorar valorisiert. Die MKP-Kommission des Bundesministeriums wurde aufgelassen. Erst nach Gründung einer Expertenkommission durch die ÖÄK wurde heuer wieder ein Gremium geschaffen, das „Veränderungen diskutieren“ soll.

Hygieneverordnung und Medizinproduktegesetz: Beide gesetzlichen Maßnahmen, über deren Sinnhaftigkeit man durchaus geteilter Meinung sein kann, erfordern teilweise hohe Investitionskosten. Diese können aufgrund unserer Kassenverträge nicht an die Endverbraucher (PatientInnen) weitergegeben werden und schlagen somit bei den ÄrztInnen direkt einkommensmindernd auf. Die Anschaffung teurer Sterilisatoren wird etwa die kleine Wundversorgung (Wundnähte, Wundausschneidung etc.) in den Praxen demnächst zum Erliegen bringen. Die PatientInnen müssen dann wieder die Krankenhaus-Ambulanzen aufsuchen, obwohl man diese eigentlich entlasten will.

Qualitätsmanagement und Fortbildungsverordnung: 2016 findet in Oberösterreich wieder die gesetzlich vorgeschriebene Ordinationsevaluierung statt. Dabei werden zum Teil durchaus sinnvolle und wichtige Qualitätsstandards überprüft. Es werden aber auch Maßnahmen eingefordert, die in keiner Weise an die unterschiedlichen Leistungsangebote in Praxen angepasst sind und im Grunde nur Kosten verursachen. Eine regelmäßige und gesetzlich vorgeschriebene Fortbildung von 50 Stunden pro Jahr erachten wir als angemessen und notwendig. Dennoch sei darauf hingewiesen, dass niedergelassene ÄrztInnen (meist im Gegensatz zu angestellten KollegInnen) nicht nur die Fortbildung selbst finanzieren, sondern die Praxis in dieser Zeit schließen oder eine Vertretung anstellen müssen.

PHC Gesetz: Jüngstes Steckenpferd der Gesundheitspolitik sind „Primary Health Care“-Zentren, die sich ebenfalls – wenn überhaupt – nur im städtischen oder kleinstädtischen Bereich verwirklichen lassen. Da man für das Betreiben dieser Zentren ebenfalls ÄrztInnen benötigt, wurde und wird – entgegen der erst im Vorjahr getroffenen Vereinbarung „Das Team rund um den Hausarzt“ – ein PHC-Gesetz proklamiert, das die Führung solcher Zentren im Grunde auch ohne ÄrztInnen ermöglicht und die Ärztekammern als Standesvertretung völlig umgeht und aushebelt. Man stelle sich dieses Vorgehen einmal bei der Arbeiterkammer vor. Für die so wichtige medizinische Versorgung am Land sind völlig nebulos und insuffizient „Netzwerke“ vorgesehen, wobei hier wohl „Netze“ ohne „Werker“ gemeint sein dürften.

ELGA: Die Bedenken der Ärzteschaft hinsichtlich rechtlicher Belange, Nutzen und Performance der „Elektronischen, lebenslangen Gesundheitsakte“ wurden bisher in keiner Weise entkräftet. Da man nun jedoch bei der Einführung im stationären Bereich – wenig überraschend – auf erhebliche technische Probleme stößt, wird der Terminplan dort prolongiert. Nicht jedoch im niedergelassenen Bereich. Dort geht man davon aus, dass jeder schon irgendwie damit zu Rande kommen muss.

Den niedergelassenen Bereich stärken: dieses Versprechen hören wir seit Jahrzehnten. In der Tat werden in den stationären Bereich hunderte Millionen Euro (mehr oder weniger unbegrenzt) aus Steuermitteln investiert, während der niedergelassene Bereich mit den wirtschaftsabhängigen Einnahmen der Krankenversicherungsträger aus Sozialversicherungsgaben nicht nur auskommen, sondern sich diesen auch noch mit den überproportional steigenden Ausgaben für die Pharmaindustrie teilen muss.

Die Weichen für eine moderne, leistungsstarke und leistbare medizinische Basisversorgung einer alternden Bevölkerung müssen JETZT gestellt werden, wenn es dafür teilweise nicht sogar schon zu spät ist. Wenn Sie sicherstellen wollen, dass die ärztliche Versorgung auch für Ihre Gemeinde in Zukunft erhalten bleibt, setzen Sie sich in Ihrem Handlungsfeld mit aller Kraft und der gebotenen Ernsthaftigkeit für annehmbare Bedingungen für niedergelassene ÄrztInnen ein.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Wolfang Ziegler

2 Kommentare
  1. Micha Do
    Micha Do says:

    Sehr gut beschrieben. Es zeigt sich nur, dass die Politik die Problematik nicht begreifen WILL. Absichtlich. Und, wie Andrea Mayr richtig kommentiert, das ist ein östereichweites Problem.

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  2. Andrea Mayr
    Andrea Mayr says:

    Nicht nur in OÖ. in ganz Österreich gibt es Proböleme, weil es ein Apothekengesetz gibt, welches aufgrund massiven Lobbyings von Apothekern für Apotheker gestaltet wurde. Dieses zielt darauf ab, die ärztlichen Hausapotheken umzubringen. In der Schweiz haben 80% aller Ärzte Hausapotheken , weil das die Patienten so wollen und es die kostengünstigste Art der Versorgung ist. Nun ist endlich auch die Studie in Österreich veröffentlicht, die das mit zAHLEN belegt. Die Apotheken.- und Pharmalobby ist in Ö derart mächtig, dass sie verhindern kann, dass dieses Gesetz geändert wird. Somit werden in den nächsten Jahren immer mehr Orte eine Apotheke haben, aber keinen Arzt mehr. Und die Ersparnis von 500 Millionen Euro pro Jahr, die sich die Schweiz nicht entgehen lässt, Österreich aber schon, lässt auch die zuständigen Politiker kalt. Denn die bedienen die Interessen der Apotheker, nicht aber die der Patienten und Bürger. Die Apotheker sind die einzige Berufsgruppe in Österreich, die auf ihrem Gebietsschutz beharrt und der niemand zu widersprechen wagt. Dabei geht es ihnen nicht um den Verkauf von Medikamenten, weil der zuwenig abwirft, sondern um den Verkauf von Waren aller Art. Der gesetzliche Schutz der Hausapotheken würde die Kassenstellen schützen, damit gäbe es Nachfolger und diese könnten auch wieder Ärzte ausbilden. Dafür ist jede 3. Apotheke defizitär, viele stehen schon unter dem Einfluss eines Pharmagroßhandels, der schneeballartig das Land mit seinen Apotheken überziehen will. Und die Politik spielt da mit?

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